JAHRESBERICHT 2025

DREI PERSPEKTIVEN, «EINE GEMEINSAME WANDERUNG».

Psychotherapie, Wohngruppe und Tagesstruktur berichten über Stephane - einer unserer Bewohner, der natürlich nicht so heisst - und seinen Weg: von Widerstand über Vertrauen bis hin zu mehr Eigenständigkeit.

Therapie

Jelena Hess

Fremdbestimmt!

Zu Beginn dominierte ein Satz: «Andere entscheiden über mein Leben.» Regeln im Alltag, Zukunftsfragen und der Wunsch, nach dem Aufenthalt wieder nach Hause zu gehen, führten zu Widerstand und Rückzug. In der Therapie ging es weniger um Lösungen als darum, Wut und Enttäuschung auszuhalten. Erst als diese Gefühle benannt und zugelassen werden konnten, entstand Bewegung. Ein halbes Jahr nach dem Austritt erzählte Stephane, er sei dem Alpenclub beigetreten und viel in den Bergen unterwegs. Die Richtung wählt er heute bewusster selbst.

Fallbeschreibung
Der bisherige Lebensweg von Stephane gleicht einer anspruchsvollen Wanderung mit Umwegen und Stolpersteinen. Wiederholt erlebte er Frust und Wut, verstärkt durch das Gefühl, dass Entscheidungen über seinen Kopf hinweg getroffen wurden und er nur wenig Einfluss auf seinen eigenen Weg hatte. Im therapeutischen Prozess wurde deutlich, wie wichtig es war, diesen Emotionen Raum zu geben, um neue Perspektiven zu eröffnen. Schritt für Schritt lernte Stephane, Hindernisse anzunehmen und Umwege als Teil seines Weges zu begreifen – ein bedeutender Schritt hin zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Zu Beginn prägte das Gefühl der Fremdbestimmung seine Haltung stark. Einschränkungen im Alltag, insbesondere im Umgang mit digitalen Medien, führten wiederholt zu Konflikten auf der Wohngruppe. Auch der Wunsch, nach dem stationären Aufenthalt ins Elternhaus zurückzukehren, stand im Spannungsfeld zwischen seinem Bedürfnis nach Selbstbestimmung und der Einschätzung der Eltern sowie der Fachpersonen.

In der Familie entstand ein starker Wunsch nach Erklärung. In Familiengesprächen ging es darum, ein gemeinsames Verständnis der Situation zu entwickeln – ohne gegenseitige Schuldzuweisungen.

In der Einzeltherapie lag der Fokus darauf, Handlungsspielräume im Alltag zu erweitern und Flexibilität zu fördern. Stephane zeigte sich reflektiert, zugleich aber in festen Überzeugungen verhaftet, was Anpassungen an neue oder unerwartete Situationen erschwerte. Durch das Einüben von Perspektivwechseln und Konfliktlösungsstrategien lernte er zunehmend, seine Anliegen differenzierter zu kommunizieren.

Die Auseinandersetzung mit seiner Biografie stellte sich als Wendepunkt dar. In den Therapiesitzungen wurde spürbar, wie viel Mut es ihn kostete, sich auf diesen Prozess einzulassen. Trauer und Wut über verpasste Chancen, erlebte Ungerechtigkeiten und Kontrollverlust wurden zunehmend sichtbar. Die Integration dieser Erfahrungen erleichterte es ihm, seine aktuelle Lebenssituation anzunehmen und mitzugestalten.

Die Frage nach Einfluss blieb zentral: «Was darf ich selbst entscheiden? Wie kann ich meine Zukunft mitgestalten?» Atem- und Erdungsübungen, die er zunehmend selbständig anwandte, stärkten seine Selbstwirksamkeit im Umgang mit Stress und psychosomatischen Beschwerden.

In einem Gespräch äusserte er den Wunsch, in den Bergen zelten zu gehen. Ein halbes Jahr nach dem Austritt meldete er sich und berichtete, er sei nun Bergsteiger und Mitglied im Alpenclub. Die Richtung bestimmt er heute zunehmend selbst.

Wohngruppe

Angela Maag

Dranbleiben!

Stephane wollte zu Beginn nicht hier sein. Diskussionen brach er ab, wenn sie nicht in seinem Sinn verliefen. Die Vorstellung, nach dem Aufenthalt nicht nach Hause zurückzukehren, war schwer auszuhalten.

Mit Geduld, klaren Abmachungen und wachsendem Vertrauen gelang es ihm, Verantwortung zu übernehmen: beim Einkaufen, Kochen, im Training und in Gesprächen. Schritt für Schritt hielt er mehr aus und begann, seinen Weg aktiv mitzugestalten.

Es war nicht immer einfach – aber es war es wert, dranzubleiben. Bis heute meldet er sich immer wieder.

Fallbeschreibung
Stephane trat unmotiviert in die Modellstation SOMOSA ein. Er fragte sich, wie er hier gelandet war und was er hier sollte. Seine deutlichste Motivation zeigte sich im Bereich Mediennutzung: Dort war er interessiert und talentiert.

In vielen Gesprächen suchten wir nach Kompromissen, insbesondere in Bezug auf die Nutzung seines Tablets. So gelang es ihm, sich zunehmend auf die Tagesstruktur einzulassen und im Alltag anzukommen. Das Aufstehen und die Teilnahme an den Strukturen stellten für ihn keine grundsätzliche Schwierigkeit dar. Zu Hause war es häufig zu Konflikten gekommen, weshalb die enge Zusammenarbeit mit den Eltern zentral war. Auch auf der Wohngruppe zeigten sich Konflikte deutlich. Anfangs verliess Stephane Diskussionen, wenn sie nicht in seinem Sinne verliefen. Mit der Zeit und wachsendem Vertrauen konnte er Auseinandersetzungen besser aushalten und sich aktiver einbringen.

Stephane äusserte den Wunsch, selbstständig zu werden. Deshalb übergaben wir ihm Schritt für Schritt mehr Verantwortung im Alltag: Einmal pro Woche plante er seinen Einkauf und kochte für sich selbst. Auch wollte er sein Taekwondo-Training wieder aufnehmen. Klare Abmachungen halfen ihm, verbindlich zu bleiben. Ein besonders herausfordernder Schritt war die Erkenntnis, dass er nach dem Aufenthalt nicht wieder nach Hause zurückkehren würde. Diese Realität zu akzeptieren war schwierig und erforderte Geduld aller Beteiligten. Umso erfreulicher war es zu sehen, wie Stephane sich Schritt für Schritt darauf einlassen konnte, seinen weiteren Weg aktiv mitzugestalten. Er entschied sich für eine Ausbildung als Mechanikpraktiker und meldet sich bis heute immer wieder.

Tagesstruktur / Labor

Seàn Kennedy

Leise Stärke!

Als ich Stephane zum ersten Mal sah, war er am Zeichnen. Er hob den Blick nicht, als ich ihn grüsste, und antwortete knapp auf meine Fragen. Erst später wurde mir klar, dass das Zeichnen für ihn ein sicherer Raum war. Wenn Papier und Stift vor ihm lagen, wurde er ruhig und konzentriert. Umso schöner war es zu erleben, wie er mich mit wachsender Beziehung zunehmend in diesen Raum einlud.

Mit zunehmendem Vertrauen nahm auch seine innere Anspannung ab. Aufgaben bewältigte er zuverlässig, neue Schritte ging er vorsichtig, aber konsequent. In der Berufsfindung zeigte sich schliesslich klar, wo seine Stärken liegen: Technik, Informatik, planendes Denken.

Die Zusage für einen Ausbildungsplatz war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer stillen, stetigen Entwicklung.

Fallbeschreibung
Als ich Stephane zum ersten Mal sah, war er gerade am Zeichnen. Er hob den Blick nicht, als ich ihn grüsste, und antwortete knapp und abschliessend auf meine Fragen. Erst später wurde mir bewusst, dass das Zeichnen für ihn ein sicherer Raum war, in dem Fremde zunächst keinen Platz hatten.

Wenn Papier und Stift vor ihm lagen, wurde er ruhig und konzentriert. Linien entstanden überlegt, fast so, als würde er sich über das Zeichnen selbst ordnen. Mit der Zeit lud er mich zunehmend in diesen Raum ein.

Auch im Labor zeigte sich dieses vorsichtige Herantasten. Stephane beobachtete aufmerksam, sprach wenig und suchte zunächst einen sicheren Platz für sich. Dieser bedachte Einstieg zog sich wie ein roter Faden durch seine Entwicklung. Über gemeinsame Interessen wie Games und kreative Themen fand er Anschluss an andere Jugendliche. Aus kurzen Gesprächen wurden längere, daraus entstanden Freundschaften. Er war gerne Teil der Gruppe, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Zu Beginn seines Aufenthalts war seine innere Anspannung deutlich spürbar. Kopfschmerzen oder Bauchweh traten häufig auf, wenn Anforderungen zunahmen oder Unsicherheit entstand. Mit Geduld und wenig Druck steigerten wir die Anforderungen schrittweise – ebenso nahmen die Beschwerden allmählich ab. Mit jeder bewältigten Aufgabe wuchs sein Vertrauen in sich selbst.

In der Arbeit zeigte sich Stephane zuverlässig und sorgfältig. Neues ging er vorsichtig an: erst verstehen, dann ausprobieren. In der Berufsfindung brauchte er Zeit, um seine Interessen greifbar zu machen. Tests, Gespräche und praktische Einblicke halfen ihm, seine Stärken einzuordnen. Technik, Informatik und planendes Denken kristallisierten sich heraus. Besonders prägend war ein Schnupperpraktikum, in dem er konzentriert, motiviert und mit wachsendem Selbstvertrauen arbeitete. Die Zusage für einen Ausbildungsplatz war der verdiente Lohn für seinen Einsatz.

Stephane hat während seines Aufenthalts eine leise, aber stetige Entwicklung durchlaufen. Er lernte, mit Unsicherheit umzugehen, Hilfe anzunehmen und eigene Stärken zu nutzen. Wenn er ein Ziel als sinnvoll erkannte, konnte er bemerkenswerte Energie mobilisieren. Für mich als Bezugsperson war es besonders eindrücklich zu sehen, wie aus einem zurückhaltenden Jugendlichen jemand wurde, der seinen Weg mit mehr Sicherheit und Zuversicht weitergeht.